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Upcycling ist kein neuer Trend!

Repariertes T-Shirt
Auch ein T-Shirt mit kleinen Löchern kann man retten.

Hast du ein Motto? Ein Lebensmotto, oder eines für bestimmte Lebenssituationen? Ich bin da eher spärlich ausgestattet. Aber ein Motto habe ich und das bezieht sich auf den Konsum, den es so oft als möglich zu verhindern gilt. Mein Motto in Bezug auf Konsum ist "reparieren, verschönern, Upcycling". Oder anders ausgedrückt: Fast alles kann man doch noch irgendwie weiter verwenden. Oft höre ich, das sei ein ganz neuer Trend und ich sei auf den Zug mit aufgesprungen. Meine Lieben: Das stimmt nicht. Ich bin 55 Jahre alt und in einer Zeit geboren, in der "reparieren, verschönern, Upcycling" gang und gäbe waren. Ausgeleierte Schlüppis bekamen ein neues Gummi. Löcher in den Socken wurden gestopft. Was an Kleidung zu klein geworden war, bekamen die jüngeren Geschwister oder es wurde an jemanden verschenkt, der es tragen kann. Das war nicht immer schön. Ich musste viel von meinem jüngeren Bruder tragen, der leider irgendwann größer war als ich. Ich hatte auch Jacken meiner Mutter, die mir ca. vier bis fünf Nummern zu groß waren. Sicher hätte man sich auch damals mehr Mühe geben können, damit nicht kleine Menschen wie ich in Männer- und Riesenkleidung gepackt werden und damit Opfer von Hohn und Spott sein müssen. Aber alles wurde weiter verwendet. Alles wurde repariert, verschönert oder upcycled.

Elektrogeräte hielten Jahrzehnte lang - meine erste Waschmaschine ist mehrmals mit mir umgezogen und wurde über 20 Jahre alt. Und als sie zwischendurch mal kaputt war, wurde sie eben repariert. So war das damals. Und ohne ganz allgemein von einer "guten, alten Zeit" philosophieren zu wollen: Das war gut. Das war besser als immer mehr Konsumgüter zu kaufen, um sie letzlich wenig oder gar nicht genutzt wegzuwerfen.

 

Früher wurde alles repariert. Heute können oder wollen die meisten nicht mal mehr eine aufgegangenen Naht wieder zunähen

 

Heute können viele Leute nicht mal eine aufgegangene Naht wieder zunähen oder einen Knopf annähen. Was kaputt ist, wird weggeworfen, oft wohlmeinend in den Altkleidercontainer, im guten Glauben, damit noch Sinnvolles zu tun. Warum das fast nie so ist, beschreibe ich hier.

Auch was man kauft und dann doch nicht will, wird weggeworfen. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit in der für viele Menschen nichts mehr einen großartigen Wert hat. Kleidung ist ein Wegwerfprodukt. Elektrogeräte halten nichts mehr aus und sind oft so konzipiert, dass eine Reperatur sinnlos oder sogar unmöglich ist. Fast Fashion, Wegwerfprodukte, Geiz-ist-geil-Mentalität: So leben wir. Und ich finde es schrecklich! Immer mehr Konsum, immer mehr Wirtschaftswachstum bedeuten einen immer schnelleren CO2-Anstieg und ein steigender Raubau an unserer Umwelt - und die können wir nicht ersetzen.

 

Auch all die Menschen, die für unsere Gier auf Billigkram ausgenutzt werden, finden es sicher nicht gut. Und dass die Ressourcen nicht ewig reichen, sollte inzwischen auch in den Köpfen derjenigen angekommen sein, die sich mehr Gedanken darüber machen, wie sie ein Mädchen namens Greta in Misskredit ziehen können, statt sich Gedanken über ihren eigenen ökologischen Fussabdruck zu machen.

 

Wer wirklich jubelt, angesichts des Wirtschaftswachstum und der Lust auf Konsum, das sind die Konzerne, die sich durch diesen Wahn die Taschen vollscheffeln - mehr als es ein Mensch je mit ehrlicher Arbeit verdienen könnte. Ihre Geldgier wird durch unseren Konsumrausch gestillt.

 

Upcycling: Bluse aus Bettbezug
Aus alter Bettwäsche kann sehr schöne Kleidung entstehen

Wir müssen den Dingen wieder einen Wert einräumen, denn den haben sie!

 

Eine Bewusstseinsänderung ist dringend nötig. Und zwar nicht hin zu einem neuen Trend, denn das ist mein Motto nicht. Wir benötigen eine Bewusstseinsänderung, die zurück in die Vergangenheit geht. Wir müssen den Dingen, die uns umgeben, wieder einen Wert einräumen. Denn den haben sie. Sie haben den Wert der Ressourcen die für ihre Produktion nötig sind. Sie haben den Wert der Natur, die zerstört wird durch Gifte, die beim Anbau nötiger Pflanzen, bei der Produktion der Konsumgüter und bei deren Reise um den Erdball in unsere vier Wände. Sie haben den Wert der Arbeitskraft der Menschen, die das Produkt produziert haben - unabhängig davon, dass sie das viel zu oft für einen Hungerlohn tun müssen. Der Wert eines Gegenstandes darf nicht nur finanziell bemessen werden. Dazu hängt zu viel dran!
Wir müssen sehr dringend ein paar Schritte zurückgehen, denn wir haben uns längst selbst überholt. Wir beuten Menschen und Natur aus und finden noch nicht mal was dabei, weil wir es so gewohnt sind und weil uns ständig eingeredet wird, dass mit noch mehr Wirtschaftswachstum alles immer noch besser wird. Das ist aber falsch. Das ist Politik für Konzerne, das ist Kapitalismus. Und das funktioniert nur, weil wir da mitspielen! Wir Konsumenten sind die Triebfeder! Deshalb bin ich ein großer Fan der Postwachstumsökonomie über die ihr hier mehr erfahren könnt.

 

Natürlich ist es nicht einfach, sein ganzes Leben von einem Moment auf den anderen komplett auf den Kopf zu stellen. Doch mehr als ein paar wenige, die perfekt sind, brauchen wir ganz viele Menschen, die sich um Besserung in ihrem Verhalten bemühen und dabei immer besser werden. Hier ein paar Ratschläge für die ersten Schritte:

 

Upcycling Truhe, Eiche rustikal in weiß Shabby Chic
Eine alte Truhe in Eiche rustikal sollte in den Müll. Dabei war sie stabil gebaut, mit wunderschönen Handschnitzerein. Sie war alles andere als Müll.

Ideen für ein bewussteres Leben

 

1. Benutze alles, was du hast, so lange und so intensiv wie möglich. Es muss nicht immer die neueste Mode sein, viel wichtiger ist Individualität und Nachhaltigkeit. Benutze alles bis es wirklich nicht mehr nutzbar ist. Das heißt nicht zwangsweise, dass das Ding dann irreperabel kaputt sein muss, wenn du es aussortierst. Vielleicht hast du es ja so lange, bis du es nicht mehr sehen kann. Dann gib es weiter. Verschenke oder verkaufe es. Sorge dafür, dass das Ding weiter verwendet wird, bis es wirklich und tatsächlich überhaupt nicht mehr nutzbar ist. Wenn etwas kaputt ist, repariere es, oder lasse es reparieren. Wenn etwas nicht mehr schön ist, verschönere es oder bringe es zu jemandem, der es verschönern kann. Und wenn es für seinen eigentlichen Zweck nicht mehr gut ist, dann upcycle es oder gib es jemandem, der es upcyceln kann. Das war in meiner Kindheit üblich und es war gut so. Und deshalb sollten wir dahin zurück kommen. Wir schonen den Geldbeutel, wir verhindern Ausbeutung von Menschen, wir füttern keine Konzerne mehr und wir entlasten die Umwelt. Unser persönlicher CO2-Abdruck wird deutlich kleiner. Und auch das hilft:

 

2. Stell dir vor, du willst ausnahmsweise mal selbst einen Kuchen backen. Eine liebe Freundin, die du lange nicht gesehen hat, kommt zu Besuch und du willst sie beeindrucken. Hoffentlich klappt das, denn Backen ist normalerweise nicht so dein Ding. Einen Versuch ist es dir aber wert. Das Rezept ist rausgesucht. Jetzt schnell noch eine Backform besorgen. Da du sonst nie Kuchen selbst machst, hast du ja keine. Und jetzt kommt´s: Bitte kaufe keine! Geh zu einer anderen Freundin, zu den netten Nachbarn oder zu deinen Eltern und leihe sie dir! Wenn du eh nicht gerne backen magst, wirst du die Backform sonst sinnlos im Schrank herumliegen haben.

Leih dir überhaupt alles, was du nur selten brauchst. Und gebe die Sachen zuverlässig und ohne daran erinnert werden zu müssen, wieder zurück. Das sorgt dafür, dass man dir auch in Zukunft gerne etwas ausleiht.
Umgedreht ist es ebenso: Leihe deinen Mitmenschen Sachen, wenn du sie gerade nicht benötigst. Ich bin ohnehin der Meinung, dass z.B. ein Rasenmäher pro Wohnsiedlung oft genug ausreichen sollte. Für andere Dinge gilt das Gleiche. Fang damit an, indem du dir Sachen leihst und nicht kaufst, wenn du eh weißt, dass du sie kaum nutzen wirst. Und biete auch anderen Menschen an, Sachen von dir auszuleihen. Das spart jede Menge Geld und schont die Ressourcen. Bilde mit Nachbarn oder Freunden regelrecht Leihgemeinschaften für Gegenstände, die man problemlos gemeinschaftlich nutzen kann.
Damit ich weiß, wer was von mir geliehen hat, oder von wem ich etwas geliehen habe, hängt bei mir im Atielier eine Liste an der Pinwand. Da steht drauf, wer es geliehen oder verliehen hat und daneben das Datum. Und wenn das Geliehene zurück gegeben ist, wird die Zeile durchgestrichen.

 

Rehkrickerl in neuem Kleid
Was gerade "in" ist, entscheidet der Zeitgeist. Was nicht "in" ist, kann man aber dem Zeitgeist anpassen!

 

 

3. Manchmal kann man statt ausleihen auch tauschen. Macht eure Leihgemeinschaft auch zur Tauschgemeinschaft. Manchmal hat man einen Gebrauchsgegenstand gekauft und ihn auch genutzt. Doch dann sind die Zeiten irgendwann vorbei. Man benötigt den besagten Gegenstand nicht mehr. Er soll weg und an seine Stelle soll etwas treten, das man nun viel dringender benötigt. Für so etwas kann man tauschen. Jemand gibt dir etwas und erhält dafür eine andere Sache. Nicht der finanzielle Wert ist dabei ausschlaggebend. Sondern die Sinnhaftigkeit für die eigene Person. Es gibt ja immer mehr Tauschbörsen, auch im Internet, wo man solche Sachen im Tausch für Anderes anbieten kann. Beim Tausch wird nichts neu produziert und gekauft. Sondern ein, für einen selbst, sinnloser Gegenstand wird gegen einen sinnvollen eingetauscht. Tolle Sache also auch hier für die Umwelt und den Geldbeutel. Ich habe vor Kurzem ein paar Bücher gegeben und ein Macrameeboard dafür bekommen. Tolle Sache. Jeder von uns beiden hat nun das, was er braucht.

 

4. Manchmal kommt man nicht drum herum: Es gibt etwas, das man benötigt. Oder etwas, das man wirklich von Herzen gerne haben würde, auch wenn man die ganze Woche darüber geschlafen hat. Z.B. ein Vogelhaus für den Balkon. Oder Bezüge für die Kissen auf dem Sofa. Jetzt ist Konzentration angesagt. Keinesfalls, unter gar keinen Umständen kaufen wir das Gebrauchte / Gewollte. Sondern wir überlegen, ob die Möglichkeit besteht, es selbst zu machen. Am Besten sogar noch aus Materialien, die schon zu Hause sind. Das Internet biete unzählige Inspirationen und Arbeitsanleitungen. YouTube strömt über von Tutorials und Erklärvideos. Und auch in meinem Ideenblog findet ihr mehr und mehr Ideen dafür.
Ich habe oft schon etwas auf diese Weise ausprobiert und ich war ganz oft total überrascht, wie schön und zweckmäßig das Ergebnis ist. Traut euch das zu. Das motiviert ungemein und hinterlässt ein gutes Gefühl, wenn der Gegenstand dann in Gebrauch ist. Bitte versuche also auch an dieser Stelle, nicht zu kaufen. Selber machen ist die Devise!

 

5. Selbermachen geht nicht immer. Sollte das der Fall sein, dann kann man immer noch davon absehen, das Gesuchte NEU zu kaufen. Auf verschiedenen Portalen im Internet kann man Gebrauchtes kaufen. Es gibt kaum etwas, das man heutzutage nicht gebraucht kaufen kann. Wir haben  renoviert und unser Ziel war es, keine neuen Möbel zu kaufen. Und das haben wir auch völlig problemlos geschafft. Alles was wir gesucht haben, haben wir im Internet für wenig Geld gebraucht kaufen können. Was farblich nicht gepasst hat, wurde eben passend gemacht. Auch hierfür findet ihr im Ideenblog Ratschläge.
Meine Kleidung kaufe ich seit vielen, vielen Jahren nur gebraucht. Alles bis auf Socken und Unterwäsche. Das ist eine doppelt tolle Sache. Zum einen kann jemand ein paar Euro für seine gebrauchten Sachen bekommen und freut sich darüber. Zum anderen mussten nicht neue Sachen produziert werden, darüber freut sich die Umwelt. Und nicht zuletzt kann man für wenig Geld wirklich Sinnvolles erwerben, darüber freut sich der Geldbeutel.

 

6. Neues zu kaufen sollte die letzte Möglichkeit bleiben. Manchmal geht es nicht anders. Wenn du also etwas brauchst und alle fünf Punkte abgehakt hast, ohne zu einer Lösung zu kommen, dann kaufe. Aber bitte: kaufe keinesfalls bei einem Großkonzern. Kaufe bei einem kleinen Anbieter. Kaufe am besten in deiner Stadt oder in der Nähe. Und wenn du unbedingt im Internet kaufen musst, dann kaufe bei einem kleinen Anbieter. Es gibt unzählige davon. Auf Instagram findet man einige davon unter dem Hashtag #supportsmallbusiness Aber auch so findet ihr einfach durch Recherche das, was ihr braucht. Ihr füttert damit keinen Großkonzern, sondern eine Familie. In jedem Fall aber jemand, der hart für sein Geld arbeitet und seinen Shop mit Liebe und großer Mühe führt.

Wenn du übst, wirst du es bald schaffen, nach diesen sechs Punkten zu konsumieren. Und dann ist dein ökologischer Fußabdruck immer kleiner.

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Kommentare: 7
  • #1

    Anna-Maria Lehnert (Dienstag, 28 Januar 2020)

    Wie Recht hast du. Ich bin 61 J. alt und ich bin auch in der Zeit aufgewachsen wo alles wieder her genommen worden ist. Da ist nichts weg gekommen, was man nicht noch für was andereds hat hernehmen können. Heut wird doch alles in den Müll geworfen. Meine Tochter geht mir ihrer Tochter zweimal im Jahr groß shoppen mit dem angegebenen Grund: kostet ja fast nichts. Dann wird hinterher der Schrank ausgeräumt, damit das neue Zeug Platz hat und das Alte (was ja noch nicht wirklich alt ist) kommt in den Container. Da wird dann die Wirtschaft in anderen Ländern mit zerstört. Und wenn die Flüchtlinge dann kommen weil wir ihre Existenzgrundlage zerstört haben werden die hier angefeindet. So weit ist es gekommen, mit immer mehr und immer mehr Wirtschaftswachstum. Es ist zum schämen. Und wir tun auch noch so, als wenn wir Saubermänner wären. So habe ich meine Tochter nicht erzogen. Aber der Einfluß vom Umfeld ist einfach so groß.

  • #2

    Jessie (Mittwoch, 29 Januar 2020 21:59)

    Hat meine Mama auch vor Weihnacht mal erwähnt. Denk drüber nach

  • #3

    Janine Deuffel (Sonntag, 02 Februar 2020 12:33)

    Gute Ratschläge. Hab mir vorgenommen für dieses Jahr, das ich mehr für die Umwelt tun will und auch die Familie einbeziehe. Hab aufgrund von den Ratschlägen hier für heute gleich mal ein Raclette von meiner Freundin geborgt. Hab Besuch und der hat sich für abends Raclette gewünscht. Wir haben schon paar Raclettes angeschaut und dann bin ich auf diese Seite gestoßen. Und wir haben nicht nur Geld gespart, sondern auch Rohstoffe. Das freut mich und ich freue mich auf neue Blogs von dir.

    Herzlichst
    Janine Deuffel

  • #4

    Kathi (Donnerstag, 13 Februar 2020 22:24)

    Geile Sache und so wahr!

  • #5

    B.D. (Mittwoch, 26 Februar 2020 10:55)

    Danke für den unterhaltsamen und informativen Text. Ihn zu Lesen hat Spaß gemacht.

  • #6

    Heide (Donnerstag, 05 März 2020 22:43)

    Juhuhu! Schön gesagt! Dem ist nichts hinzu zu fügen!

  • #7

    Agnes (Sonntag, 08 März 2020 10:42)

    So lang ist das noch gar nicht her. Der Mensch vergisst so schnell.